Messies: oft krankhaft perfektionistisch
Immer mehr Bundesbürger werden zu Messies – Menschen, denen sozusagen ihre Sammelleidenschaft über den Kopf gewachsen ist.
Der Begriff Messie kommt aus dem Englischen von „mess“, zu deutsch „Unordnung“. In Deutschland leiden schätzungsweise 1,8 Millionen Menschen unter dem Messie-Syndrom, schreibt der Bundesverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen in der aktuellen Ausgabe seiner Informationsschrift.
Was macht einen Sammler zum Messie? Gesammelt wird nicht zielgerichtet, sondern unstrukturiert, das heißt alles, was man irgendwann noch mal brauchen könnte – ohne dass materielle Not im Spiel ist. Als krankhaft definieren Psychologen die Sammelleidenschaft, wenn mindestens eine Person darunter leidet, sei es der Partner oder der Messie selbst. Denn irgendwann ist es soweit: Der Messie findet nichts mehr wieder, ertrinkt im Chaos und lässt niemanden mehr in seine Wohnung. Geschlafen wird auf dem Boden – das Bett ist ja voll gestellt –, und geliefertes Fast Food ersetzt das Kochen: Schließlich dient auch der Herd als Ablagefläche.
Doch wie mit dem Chaos fertig werden? Messies sind nicht nur oft überdurchschnittlich intelligent und kreativ, sondern auch krankhaft perfektionistisch: Fehlt ihnen das richtige Ordnungssystem, fangen sie mit dem Aufräumen erst gar nicht an.
Als Ursache für den Übergang vom Sammler zum Messie nehmen Psychologen extreme Verlusterlebnisse an, ein verletztes Selbstwertgefühl, eine nicht ausgereifte Persönlichkeit oder emotionale Schäden. „Je mehr Löcher in der Seele, desto mehr Perlen in der Krone“, verdeutlicht der auf Messies spezialisierte Offenbacher Psychologe Werner Groß.
Eine praktische Lösungsmöglichkeit bietet das Vier-Kisten-Prinzip: In die erste Kiste kommt alles, was man wegwerfen kann. In der zweite Kiste landen die Gegenstände, die verkauft oder verschenkt werden sollen. Die dritte (kleine!) Kiste ist für Sachen vorgesehen, bei denen man sich nicht auf Anhieb entscheiden kann, was mit ihnen geschehen soll. Die Sachen, die in der vierten Kiste landen, dürfen aufgehoben werden. Und ganz wichtig: Für jeden neu gekauften Gegenstand, muss etwas anderes hergegeben werden. Doch neben der Wohnung muss vor allem die Seele aufgeräumt werden, sonst ist der nächste Rückfall vorprogrammiert.
Neben den Sammler-Messies kennen die Psychologen aber noch drei weitere Messie-Typen: „Zeit-Chaoten“, die sich an keinen Termin halten können, „Chaos-Arbeiter“, die alles anfangen, aber nichts beenden und „Ich-Chaoten“, die sich für alles begeistern, aber nie bei der Sache bleiben. „Probleme der Desorganisation von Raum und Zeit“ gehen übrigens laut der Bielefelder Psychologin Gisela Stein mit einem erhöhten Risiko für weitere psychische Störungen einher, vor allem Depressionen, Ess-Störungen und Angst.
Wer Hilfe sucht, kann sich an einen Psychologen sowie eine der bundesweit rund 120 Selbsthilfegruppen wenden. Nähere Informationen: www.anonymemessies.de
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