Gläserner Bioreaktor: Einzigartige Einblicke in das Strömungsverhalten
Pharmaprodukte, Medizin, Proteine oder Nährstoffe werden meist industriell in einem Bioreaktor produziert. Obwohl die Technologie gut etabliert ist, besteht großer Forschungsbedarf, um die hergestellten Mengen zu steigern. Eine visuelle Kontrolle des Produktionsprozesses ist meist nicht möglich, da Bioreaktoren aus blickdichtem Stahl bestehen.
Im Rahmen des DFG-Schwerpunktprogramms „Interzell“, koordiniert von der Universität Stuttgart, konnten Forschende das Strömungsverhalten in einem durchsichtigen Bioreaktor im industriellen Maßstab von 15.000 Litern optisch verfolgen. Weltweit gibt es nur wenige „gläserne“ Bioreaktoren in diesem großen Industrie-Maßstab.
Nachhaltige Nahrungs- Medizin- oder biotechnologische Produktion können helfen, die begrenzt zur Verfügung stehenden Ressourcen der Umwelt besser zu nutzen. Hier setzt die Forschung des DFG Programms „InterZell“ an, das von der Universität Stuttgart koordiniert wird: Nach dem Vorbild der Natur wollen die Forschenden untersuchen, wie neue Produktionsprozesse in Zell-Zell und Zell-Bioreaktor (InterZell) entwickelt werden können.
Die Forschung erfolgt ressourcenschonend in kleinen, meist aus Glas bestehenden Bioreaktoren, bei denen man Produktionsprozesse im Inneren gut sehen und ein Verständnis für die Abläufe gewinnen kann. Danach gilt es, die Forschungsergebnisse in die Industrie zu übertragen. Was aber im kleinen Maßstab von wenigen Litern gelingt, gilt nicht unbedingt auch für den Industriemaßstab von mehreren Zehntausend Litern. Das Scale-up (Maßstabsvergrößerung) ist oft ein kritischer Faktor – auch, weil Bioreaktoren in der Industrie aus Stabilitätsgründen meist aus undurchsichtigem Stahl bestehen und damit einer Black-Box gleichkommen.
Gläserne Bioreaktoren
Um die Prozesse auch im großen Maßstab visuell verfolgen zu können, entwickelten Prof. Micheal Schlüter, Leiter des Instituts für Multiphasenströmung (IMS) der TU Hamburg (TUHH), mit dem Industriepartner Boehringer Ingelheim Pharma GmbH & Co. KG einen durchsichtigen, aus Polyacryl bestehenden 15.000 Liter- Bioreaktor, der einzigartige Einblicke in das Strömungsverhalten gibt. Durch Färbungen können Mischzeiten im Bioreaktor erfasst werden. Die modelhafte Simulation von Lifelines zeigt dabei das Strömungsverhalten im Bioreaktor anhand einzelner Partikel. Dieses Experten-Wissen kann helfen, physikalische und biochemische Parameter beim Scale-up zu optimieren.
Ausbildung für Industrie und Forschung
Das Strömungsverhalten in einem Bioreaktor ist essentiell für die Nährstoffversorgung der mikrobiellen Produktionsstämme. Doch nicht an allen Stellen in den riesigen Bioreaktoren können Prozessparameter exakt gemessen und verfolgt werden. Um die Prozesse nachzubilden und die Prozessparameter vorherzusagen, setzen die Forschenden daher auf digitale Zwillinge und Simulationen. Die dabei gewonnenen Aussagen sind jedoch sehr abstrakt. „Daher kann ein ‚gläserner‘ Bioreaktor helfen, über Prozessverhalten, Datenerhebung und Berechnung visuell den Gesamtüberblick zu behalten“, betont Michael Schlüter vom IMS der TUHH. Das Trainingsprogramm für Nachwuchswissenschaftler soll helfen, Experten*innen fit für die Zukunft zu machen. „Es gibt großen Weiterbildungsbedarf, um Experten*innen auszubilden, die im Miniaturmaßstab funktionierende Ergebnisse in den Industriemaßstab übertragen können“, betonen der Koordinator des SPP 2170, Prof. Ralf Takors vom Institut für Bioverfahrenstechnik der Universität Stuttgart sowie Projektleiterin Dr. Martina Rehnert, die für das Networking der Forscher*innen zuständig ist.
Schwerpunktprogramm SPP 2170
Zu dem Forschungsnetzwerk gehören zehn Forschungsprojekte mit insgesamt 70 Wissenschaftler*innen, welche die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) im Schwerpunktprogramm InterZell (SPP 2170) für insgesamt 6 Jahre finanziert. Um die nachhaltige Produktion von Wirkstoffen im Bioreaktor zu steigern, wurden in der ersten Forschungsperiode Modellparameter im Bioreaktor untersucht. In der nächsten 3-jährigen Förderphase gilt es jetzt, den Praxistransfer zu bestehen.
Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Prof. Dr. Ralf Takors, Dr. Martina Rehnert, Koordination SPP “InterZell”, Universität Stuttgart, Institut für Bioverfahrenstechnik, Tel. +49 711 685 69925, E-Mail ralf.takors@ibvt.uni-stuttgart.de
Weitere Informationen:
https://www.uni-stuttgart.de/universitaet/aktuelles/meldungen/Einzigartige-Einbl… Pressemitteilung
https://www.spp2170.uni-stuttgart.de/news/Do-you-want-to-know-more-about-DFG-SPP… Video
Media Contact
Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie
Der innovations-report bietet im Bereich der "Life Sciences" Berichte und Artikel über Anwendungen und wissenschaftliche Erkenntnisse der modernen Biologie, der Chemie und der Humanmedizin.
Unter anderem finden Sie Wissenswertes aus den Teilbereichen: Bakteriologie, Biochemie, Bionik, Bioinformatik, Biophysik, Biotechnologie, Genetik, Geobotanik, Humanbiologie, Meeresbiologie, Mikrobiologie, Molekularbiologie, Zellbiologie, Zoologie, Bioanorganische Chemie, Mikrochemie und Umweltchemie.
Neueste Beiträge
Spitzenforschung in der Bioprozesstechnik
Das IMC Krems University of Applied Sciences (IMC Krems) hat sich im Bereich Bioprocess Engineering (Bioprozess- oder Prozesstechnik) als Institution mit herausragender Expertise im Bereich Fermentationstechnologie etabliert. Unter der Leitung…
Datensammler am Meeresgrund
Neuer Messknoten vor Boknis Eck wurde heute installiert. In der Eckernförder Bucht, knapp zwei Kilometer vor der Küste, befindet sich eine der ältesten marinen Zeitserienstationen weltweit: Boknis Eck. Seit 1957…
Rotorblätter für Mega-Windkraftanlagen optimiert
Ein internationales Forschungsteam an der Fachhochschule (FH) Kiel hat die aerodynamischen Profile von Rotorblättern von Mega-Windkraftanlagen optimiert. Hierfür analysierte das Team den Übergangsbereich von Rotorblättern direkt an der Rotornabe, der…